Ich denke in Notizen
Ich schreibe Notizen, seit ich ungefähr siebzehn bin. Seit mehr als vierzig Jahren also.
Zuerst waren es Tagebücher und handschriftliche Notizbücher. Viele davon stehen noch heute in meinem Regal. Später kamen digitale Systeme hinzu: zunächst TiddlyWiki, dann Evernote, schließlich Obsidian – und dazwischen immer wieder kleine Werkzeuge, die ich mir selbst gebaut habe.
Die Programme haben sich verändert. Die eigentliche Tätigkeit ist erstaunlich gleich geblieben.
Ich mache mir nicht nur Notizen, damit ich mich später an etwas erinnern kann. Ich mache mir Notizen, um herauszufinden, was ich überhaupt denke.
Schreiben als Denkbewegung
Gedanken wirken im Kopf oft klarer, als sie tatsächlich sind. Erst wenn ich versuche, sie aufzuschreiben, werden die Lücken sichtbar. Begriffe, die eben noch selbstverständlich erschienen, werden plötzlich ungenau. Zwei Überlegungen, die scheinbar zusammengehörten, erweisen sich als widersprüchlich. Eine beiläufige Beobachtung führt zu einer Frage, die ich vorher noch gar nicht gesehen hatte.
Das Schreiben hält einen Gedanken nicht einfach fest. Es verändert ihn.
Manchmal beginne ich mit einer vagen Empfindung oder einer kaum formulierten Idee. Während ich schreibe, entsteht daraus eine Struktur. Ich ergänze etwas, widerspreche mir, formuliere neu und entdecke dabei Zusammenhänge, die vorher nicht vorhanden waren – zumindest nicht in einer Form, auf die ich hätte zugreifen können.
In diesem Sinn sind Notizen für mich kein Behälter für fertige Gedanken. Sie sind der Ort, an dem Gedanken entstehen.
An Ideen arbeiten – und an mir selbst
Ich habe Philosophie und Psychologie studiert und bin irgendwann beim Programmieren gelandet. Meine Notizen bewegen sich seit jeher zwischen diesen Welten.
Ich halte technische Lösungen fest, entwickle Produktideen, beschreibe Beobachtungen und versuche, größere Zusammenhänge zu verstehen. Gleichzeitig benutze ich Notizen zur Selbstbeobachtung: Was beschäftigt mich gerade? Was verändert sich? Welche Muster wiederholen sich? Wo habe ich meine Meinung geändert – und weshalb?
Eine einzelne Notiz sagt dabei oft wenig. Interessant wird es über längere Zeit.
Erst durch die Folge vieler Einträge wird sichtbar, wie sich eine Idee entwickelt oder wie sich die eigene Perspektive verschiebt. Notizen ermöglichen eine Form der Arbeit, die weder rein sachlich noch rein persönlich ist. Ich arbeite an einem Thema und beobachte gleichzeitig den Menschen, der an diesem Thema arbeitet.
Vielleicht liegt darin auch der Unterschied zwischen einer Notiz und einem fertigen Text. Ein fertiger Text zeigt möglichst klar, wo man angekommen ist. Notizen halten auch die Wege, Umwege und Zwischenstände fest.
Vom Notizbuch zum Wissensarchiv
Mit der Zeit wurden aus einzelnen Notizbüchern große digitale Archive.
TiddlyWiki eröffnete mir erstmals die Möglichkeit, Gedanken miteinander zu verknüpfen. Evernote wurde über viele Jahre zu meinem zentralen Archiv. Dort sammelten sich Tausende Notizen, Texte, Fundstücke, Audioaufnahmen und Arbeitsstände.
Das funktionierte lange gut – bis immer deutlicher wurde, wie abhängig ein solches Archiv von der Software ist, in der es entstanden ist.
Ein persönliches Wissensarchiv wächst über Jahre oder Jahrzehnte. Die Firma hinter der Software kann in dieser Zeit ihre Preise, ihr Geschäftsmodell, ihre technischen Grundlagen oder ihre Prioritäten verändern. Ein Export bedeutet noch lange nicht, dass die eigenen Daten danach wirklich brauchbar sind. Links gehen verloren, Anhänge werden unübersichtlich, Formate lassen sich nur schwer weiterverarbeiten.
Mein Wechsel von Evernote zu Obsidian war deshalb nicht einfach ein Umzug von einem Programm in ein anderes. Er war eine Auseinandersetzung mit der Frage, wem ein Wissensarchiv eigentlich gehört.
Theoretisch gehörten die Inhalte immer mir. Praktisch waren sie in einem System gefangen, aus dem sie sich nur mit erheblicher Arbeit wieder sauber herauslösen ließen.
Als Entwickler begann ich deshalb, eigene Konverter und kleine Werkzeuge zu bauen. Nicht, weil ich unbedingt noch mehr Software entwickeln wollte, sondern weil ich meine eigenen Gedanken wieder in eine Form bringen wollte, die offen, durchsuchbar und dauerhaft benutzbar war.
Wenn das Denken zum Dialog wird
In den vergangenen Jahren hat sich meine Art, Notizen zu machen, noch einmal grundlegend verändert.
Einen erheblichen Teil meiner Gedanken entwickle ich inzwischen im Dialog mit KI. Statt einen Gedanken allein in eine Notiz hineinzuschreiben, spreche ich ihn aus, formuliere ihn weiter, bekomme Widerspruch, neue Perspektiven oder eine vorläufige Struktur.
Das kommt meiner natürlichen Art zu denken sehr entgegen. Denken war für mich schon immer dialogisch – selbst dann, wenn der Gesprächspartner zunächst nur eine leere Seite war.
Doch diese neue Form erzeugt ein neues Problem.
Ein Gespräch kann sehr produktiv sein und trotzdem anschließend beinahe vollständig verschwinden. Wertvolle Gedanken bleiben in langen Chatverläufen verborgen. Eine Erkenntnis, die heute wichtig erscheint, ist einige Wochen später kaum noch auffindbar. Der Dialog hilft beim Denken, aber er erzeugt nicht automatisch ein brauchbares Wissensarchiv.
Früher waren die Notizen selbst der Denkprozess. Heute findet ein Teil des Denkens im Dialog statt, während die Notiz zunehmend eine zweite Aufgabe übernimmt: Sie muss das Ergebnis verdichten, bewahren und später wieder zugänglich machen.
Damit wird die Frage nach guten Notizen nicht unwichtiger, sondern schwieriger.
Notizen, die bleiben
Nach mehr als vierzig Jahren des Notizenmachens interessiert mich deshalb nicht nur, wie man etwas möglichst schnell festhält.
Mich interessiert, wie Gedanken über lange Zeit benutzbar bleiben.
Wie speichert man Notizen so, dass sie nicht an ein einziges Programm gebunden sind? Wie lassen sich persönliche Archive durchsuchen, ohne sie an den nächsten Plattformanbieter auszuliefern? Wie verwandelt man Tausende alter Einträge wieder in ein lebendiges Arbeitsmaterial? Wie wird aus einem langen KI-Dialog eine knappe Notiz, die auch ein Jahr später noch verständlich und nützlich ist?
Und welche Werkzeuge braucht man dafür wirklich?
Diaporeo ist der Ort, an dem ich diesen Fragen nachgehe. Ich sammle hier Gedanken, Erfahrungen und kleine Werkzeuge aus einem Leben mit Notizen.
Nicht, weil ich bereits das perfekte System gefunden hätte.
Sondern weil das Nachdenken über Notizen selbst seit Langem eine meiner Arten ist, nachzudenken.